Was kostet dein Gewissen?
Bisher habe ich kein besonderes Können im Finden von Dingen bewiesen. Vor allem nicht bei Dingen, die nicht meinem Eigentum unterstehen. Einmal habe ich das Portemonnaie einer Schülerin gefunden, hierbei aber nicht wirklich darüber nachgedacht, das Gefundene nicht abzugeben. Mir ist durchaus bewusst, dass ich generell gesetzlich dazu verpflichtet bin, Gefundenes dem Besitzer zurückzugeben, aber in meinem Text soll es nicht um gesetzliche, sondern um moralische Pflichten gehen. Was kostet das Gewissen?
Mein Mann und ich fanden vor zwei Tagen eine schwarze Lederbörse mit mehreren Kreditkarten und 240,00 Euro Bargeld. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich keinen Moment gezögert hätte. ;) 240,00 Euro sind eine Menge Geld.
Beim Suchen nach einem Hinweis zur Adresse oder Telefonnummer wurde schnell klar, dass es sich bei dem Besitzer um eine finanziell nicht schlecht gestellte Person handeln musste. Natürlich ging mir in diesem Moment die Robin-Hood-Sage durch das Köpfchen. Ein Tierschutzverein hätte sich sicherlich über eine Spende gefreut.
Mein Mann setzte sich nun an den Computer, um eine Adresse herauszufinden. Währenddessen meldete sich mein, scheinbar noch gut funktionierendes Gewissen: „Liebe Jessy, es ist sehr löblich, dass du das Geld spenden würdest, aber letzten Endes wärest du nicht besser, als jene Menschen, die du verurteilst. Du verstößt damit gegen deine eigenen Prinzipien und ich werde dich noch lange daran erinnern, sofern du dich gegen mich entscheidest!“
Ich fing an darüber nachzudenken, ob ein Portemonnaie einer alten Dame, die vielleicht eine kleine Rente bezog, weniger Irritationen in meinen Tag gebracht hätte. Spielt es für mein Gewissen eine Rolle, oder müssen Prinzipien einfach generell gelten?
Was würde nun in mir vorgehen, wenn ich 1.000,00 Euro in der Börse gefunden hätte?
Ich kam zu dem Entschluss, dass ich tagelang Bauchschmerzen haben würde, wenn wir dieses verdammte Geld nicht zurückgaben. Auch die Weitergabe des Geldes würde mich nicht glücklicher machen. Also Geldbörse in die Hand und losmarschiert. Der Besitzer der Börse wohnte gleich in unserer Nachbarschaft, natürlich in einem Eigentums-Reihenhäuschen. Mein Verstand bedankte sich, just in diesem Moment, bei meinem Gewissen für dieses Erlebnis. Nachdem der Besitzer die Kreditkarten überprüft hatte und sich vergewisserte, dass das gesamte Bargeld noch vorhanden war, überreichte er uns vierzig Euro mit dem Worten: „Hier, davon könnt ihr dann schön Essen gehen!“ Nett, immerhin haben wir ihm „nur“ sein Eigentum zurückgegeben und tatsächlich auch kurze Zeit gezweifelt. Außerdem waren es deutlich mehr, als 5%. Die Frau des Hausherrn, lud uns freundlich zu einer Tasse Kaffe ein und wir nahmen an. Im Laufe des Gesprächs bemerkte Herr „Geldbörsenverlierer“, dass sein Vater einst eine Tasche mit 10.000 Mark (? – ich glaube es war eine ältere Geschichte) gefunden hatte und diese dem Besitzer zurückgab. Tolle Geschichte! Seine Frau grinste und sagte: „Na ich weiß nicht, ob ich bei soviel Geld nicht schwach geworden wäre“. Ihr Mann bemerkte: „Naja, wenn man jetzt die Geldbörse von einem Multimillionär findet…!“
Nun schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: „Was für Sie der Multimillionär ist vielleicht für uns der Selbständige mit Reihenhäuschen.“, aber ich schwieg. Nach einer Zigarette traten wir den Heimweg an. Eine Tasse Kaffee und ein Glas Apfelsaft im Bauch, jeder 20 Euro in der Hosentasche und, das ist wohl das Schönste an der ganzen Sache, mit einem reinen Gewissen.
Die 20 Euro liegen noch immer auf meinem Schreibtisch und erinnern mich daran, dass mein Gewissen mir aufgezeigt hat, dass auch ich nicht davor bewahrt bin, unmoralisch (wobei eine philosophische Betrachtung des Wortes „Moral“ hier außen vor bleibt) zu handeln.
Ich hoffe aber dennoch, dass ich diesbezüglich so schnell nicht mehr auf die Probe gestellt werde…
Sollten Herr und Frau „Geldbörsenverlierer“ diesen Text lesen, denke ich, dass Sie Verständnis für meine Überlegungen haben werden. Immerhin haben Sie Ihr Geld zurückbekommen und meine kleinen Überlegungen haben die Summe nicht geschmälert

*Räusper* - mehr bedarf es hier nicht von mir